Wenn die Presse mal wieder nervt

Der Blick gehört ja nicht gerade zu meiner Standardlektüre. So erfahre ich meist aus Tweets in meiner Timeline von Artikeln, welche vielleicht mal amüsant, aber auch häufig polarisierend sind.

Diesen Artikel von Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, finde ich mal wieder sehr polarisierend bis sogar polemisch. Vielleicht, weil es darin auch um die Bahnen geht.

Zitat: «Die Schweiz muss sich stärker für ihre Interessen wehren, schreibt Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, im Kommentar. Wenn es um den Ausverkauf der Wirtschaft geht, um Arbeitsplätze, um die demokratischen Werte.»

Das tönt ja erstmal ganz gut, bis man sich in den Artikel einliest!

Abschnitt «Unsere Wirtschaft wird ausverkauft»

Dorer lobt hier den SVP-Nationalrat, Hans-Ueli Vogt, welcher einer Interpellation vom Bundesrat wissen will, ob die Übernahme von CH-Unternehmen eine Bedrohung für die aussenpolitischen Interessen der Schweiz sei.

Dorer schreibt, China sei scharf auf unsere (ähm, wem gehören die genau?) Firmen wie Syngenta, Gategroup, Sigg oder Eterna. Aber nicht nur China sei hinter unseren Firmen her, sondern auch Katar (ist ja gerade gross in der Presse) mit ihrer substanziellen Beteiligung an der CS.

Und nun?

Sorry, mein lieber Herr Dorer, ich habe nicht Wirtschaft studiert, nicht mal die Kanti, sondern nur die Bez besucht, aber sogar ich verstehe, wie der Hase läuft, wenn man als Firma börsenkotiert ist. Wenn eine Firma ihre Aktien an der Börse platziert und damit Geld von Aktionären holt, muss die Firma damit rechnen, dass sich die Welt für diese Aktien interessiert. Unfreundliche oder unerwünschte Übernahmen kann man statuarisch behindern oder ausschliessen. Das führt aber unter Umständen dazu, dass die Aktien weniger interessant sind und somit weniger Geld in die Kasse der emittierenden Gesellschaften fliesst.

Eine informative Zusammenstellung des Übernahmerechts der «Schellenberg Wittmer Attorneys» zum nachlesen, findet sich hier.

Also zielt die «Kritik» des Blick ins Leere… Wer ins Wasser steigt, wird nass.

Interessanterweise will ja der Hans-Ueli Vogt nicht in jedem Fall, dass der Staat das Zepter ganz in die eigene Hand nimmt. Wie hier in seiner Antwort auf eine andere Interpellation.

Abschnitt «Unsere Werte werden unterwandert»

Hier lobt Dorer den FDP Nationalrat Hans-Peter Portmann, welcher den IZRS verbieten will.

Nun muss man sich über den IZRS wirklich Gedanken machen?

Ich meine, als Verfassungsschutz schon… aber als Gesellschaft eher nicht. Der Verein hat zwar ein vermutlich recht gutes finanzielles Polster, schliesslich stecken ja potente Geldgeber aus dem arabischen Raum hinter den urschweizerischen Illis und Blancos oder wie immer diese Vorstandsmitglieder heissen. Aber grosse Massen von Gläubigen zieht der Verein (noch) nicht an.

Aber natürlich eignet sich dieser Kleinstverein für die Presse sehr gut, um etwas gegen den Islam zu polemisieren. Dass man dem Verein mit solchen Artikeln mehr Popularität gibt, als er wirklich verdient, gehört dann offenbar zum Kollateralschaden, den der Blick gerne in Kauf nimmt.

Abschnitt «Unsere Arbeitsplätze wandern ab»

Hier resumiert Herr Dorer im Artikel darüber, dass zum Beispiel Bombardier 650 Stellen streiche. Dies, nachdem die Firma eben erst 59 Züge für 1.9 Milliarden Franken an die SBB verkauft habe.

Ich lese den Abschnitt nochmals und atme tief durch… Was für eine Polemik in dieser Aussage doch enthalten ist? Als hätte die Schweiz Bombardier 1.9 Milliarden gegeben und die seien mit dem Geld gleich abgehauen. Mit keinem Wort liest man, dass der Auftrag der SBB seit sieben Jahren viele dieser Stellen gesichert hat. Dass für den Auftrag sogar (temporär) Stellen aufgebaut wurden. In den abzubauenden 650 Stellen sind nämlich auch die 500 temporäre Stellen enthalten.

Bombardier hat bereits 2016 verlauten lassen, dass weltweit 7'500 Stellen gestrichen werden sollen. In dem Sinne sind die aktuellen Streichungen in der Schweiz Teil eines Ganzen. Zudem ist der Markt für Züge und Eisenbahnwagen nun mal limitiert. Wenn einer gewinnt (zB Stadler), dann verliert immer auch ein anderer.

Weiter schreibt der Blick: «Kein Land vergibt einen Grossauftrag ins Ausland, wenn er von heimischen Unternehmen ausgeführt werden kann. Dass Frankreich einen deutschen ICE oder Deutschland einen französischen TGV kaufen würde – WTO-Richtlinien hin oder her –, wäre unvorstellbar.».

Was für eine seltsame Aussage, wer sich ein wenig umhört und recherchiert, bemerkt, dass Bombardier zwar eine kanadische Firma ist, aber multinational produziert. Genau so, wie Stadler Rail und andere Produzenten im Eisenbahnumfeld. Auch in Deutschland fahren ja mitnichten nur Siemens ICE herum. Und das «Syndicat des transports d’Île-de-France», welches den Nahverkehrsbereich im Grossraum Paris führt, hat mit den «Transilien» unter anderem rund 300 Züge von Bombardier (Z 50000, B 82500) im Einsatz. 

Zum Schluss schreibt Herr Dorer: «Was für ein sonderbarer Sonderfall unsere Schweiz doch ist!». Ich sage, was für ein sonderbares Fazit Sie doch ziehen, Herr Dorer!

Urs Samstag 10 Juni 2017 - 5:31 pm | | default
Stichwörter: , ,

Ein Kommentar

Thomas

Und wenn andere Länder den “guten Rat” Befolgen würden, dass Tschüss Stadler….

Thomas, - 10-06-’17 19:21
(optionales Feld)
(optionales Feld)
Um automatisiertem Kommentarspam entgegen zu wirken, ist leider dieses Idiotenquiz nötig.
Persönliche Informationen speichern?
Hinweis: Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.