Über den Schatten springen

Man sollte sich ja nicht nur am Äusseren der Menschen orientieren…

Ich, Vorurteile? Sicher nöd! Oder doch? Klar, jeder Mensch hat seine Vorurteile, nur kann man sie irgendwie im Zaume halten.

Am Mittwoch war ich mal wieder in Zürich beim OIZ an einem Fachgruppentreffen der swissICT Fachgruppe Sourcing&Cloud. Nach den Vorträgen ergaben sich beim Apéro noch Gelegenheiten für Gespräche über IT mit dem vielfältigen Publikum der Fachgruppe.

Irgendwie zerrann die Zeit und kurz nach halb Acht verabschiedete ich mich aufs Tram, so dass ich gerade noch rechtzeitig zum Zürcher Hauptbahnhof kam. Natürlich hatte ich am Apéro vor lauter interessanter Gespräche gar nicht wirklich Zeit für die Häppchen gehabt und am Bahnhof reichte es auch nicht, noch ein Sandwich zu kaufen.

Als ich die Rolltreppe runter zum Gleis 31 fuhr, dachte ich an die Minibar, welche ja auch eher ein unzuverlässiges Gut geworden ist. Aber hey, die SBB führen doch in den Intercity-Zügen einen Speisewagen? Ich ging also an den 1. Klasswagen vorbei und war dann im ersten Moment enttäuscht. Der Bistrowagen sieht ja im Vergleich zu einem richtigen Speisewagen eher etwas ungastlich aus. Aber was soll's, ich war ja nicht auf «haute cuisine» aus.

 

Bistro-Wagen des IC Zürich - Bern im HB Zürich

Als ich einstieg, war ich grad noch ein wenig mehr enttäuscht. Der Bistro-Wagen hat nur einen Zweier- und zwei Vierer-Tische. Zudem standen da noch Leute herum, welche erst bedient werden wollten. Der Kellner machte auch nicht gerade den kompetentesten Eindruck und war vermutlich nicht mehr so motiviert. Wer weiss, wie viele Stunden der schon bei der Arbeit war.

Ein Vierertisch war mit einem Paar belegt, welche sich breit gemacht hatte. Beim Zweiertisch sass eine jüngere Frau, zu welcher ich mich nun nicht gerade setzen wollte. Am anderen Vierertisch sass ein älterer Mann, welcher mir nicht so geheuer war. Ich guckte die Karte an der Wand kurz an und fragte dann den Kellner, ob es überhaupt warme Speisen gäbe. Er deutete nur auf den Tisch mit dem älteren Mann und auf die Speisekarte, welche dort lag.

Meine Lust war schon auf einem Tiefpunkt, aber bis nach Hause würde es dauern. Also ging ich zum Tisch hin und studierte kurz die Karte. Und natürlich den Mann, der dort sass.

Ein hageres Gesicht unter einer engen Kappe, ein wilder, grauer Bart. Auf dem Tisch ein Päckchen Chips und ein Bier. Die Jacke wirkte etwas getragen. Der Blick des Mannes ging hin und her. Alles in mir sagte, «setz dich nicht da hin. Der ist sicher angetrunken. Oder sonst wie komisch!». Andererseits wirkten seine Bewegungen eher ruhig.

Ich gab mir einen Ruck und fragte ihn, ob ich mich hinsetzen dürfe. Er schaute etwas erstaunt auf und nickte. Der Zug setzte sich in Bewegung und über die Karte hinweg gab sich innert kürzester Zeit ein angeregtes Gespräch.

Er war überhaupt nicht angetrunken. Aber auch kein «gewöhnlicher» Mensch. Er klopfte lustige Sprüche, schnell schien seine politische und ökologische Sicht auf die Dinge und die Welt durch. Und schnell merkte ich, dass er über grosse Kenntnisse in Elektrotechnik verfügte. 

Während wir mit leichter Verspätung Olten entgegenrollten, erzählte er mir von seinem Werdegang. Dass er beinahe bei den SBB angestellt worden sei, um den Gleitschutz der S-Bahnzüge zu verbessern, aber seine bestehenden Kunden nicht hängen lassen wollte. Von seinen frühen Experimenten mit Solartechnologie und wie viele Batterien er der Umwelt erspart habe. Wie er vom Zürichsee ins Welschland und wieder zurück, ins Ausland und schlussendlich nach Thun gekommen sei.

Er wunderte sich, dass er einen Swiss-Pass, ich aber noch ein «blaues» GA habe, worauf ich ihm erklärte, bei welchem Arbeitgeber ich beschäftigt sei.

Er erzählte, dass er nun pensioniert sei, aber noch viel «z'Berg gehe» oder im Winter auf den Langlauf-Skiern unterwegs sei. Während ich meinen Älplermagronen, leider ohne Öpfelmues (war schon aus) ass, trank er noch einen Dreier Roten. Es gab zwar keinen Merlot del Ticino, aber dafür einen Pinot von Salquenen.

Der Kellner kam zwar noch nach Kaffee fragen, der so heiss war, dass ich mir fast den Mund verbrannte, aber sonst war eher uninteressiert. Das Gespräch drehte sich inzwischen um Kaffeemaschinen, die Wasserqualität und den Kalkgehalt.

Und während wir also diskutierten, ich im Jacket und Hemd, er mit der Windjacke vom Dampfbahnverein Furka und im Pulli, hatten wir zwar nicht immer die selbe Meinung, lachten aber trotzdem viel und schon waren wir in Bern.

Wir gingen gemeinsam die Unterführung hinunter und beim übernächsten Aufgang hiess es dann für ihn hoch zum ICE nach Thun/Interlaken. In der Tasche führte er einen Lautsprecher mit sich, den er für jemanden aus Einsiedeln zu reparieren gedenke. Nach einem kräftigen Händedruck wünschte ich ihm gute Heimreise und ging mit einem Schmunzeln zur Tramhaltestelle.

Manchmal lohnt es sich, über den Schatten zu springen… man hat die Chance, sympathische und interessante Menschen und deren Geschichten kennen zu lernen. Das gelingt während einer Reise mit der Bahn auch einfacher, als wenn man alleine im Auto fährt.

Urs Donnerstag 06 April 2017 - 11:42 pm | | default
Stichwörter: , , ,

zwei Kommentare

duuderino

Schöne Geschichte, sehr cool. Sie zeigt wie man sich täuschen kann. Darum immer offen bleiben und den Versuch wagen ;-)

duuderino, - 07-04-’17 09:54
Oliver

Hallo Urs

Danke fürs “teilhaben” … sehr bildhaft geschrieben. Gefällt mir. Packe dich mal in meinen Feedreader :-)

Gruss
Oliver

Oliver, - 24-04-’17 06:55
(optionales Feld)
(optionales Feld)
Um automatisiertem Kommentarspam entgegen zu wirken, ist leider dieses Idiotenquiz nötig.
Persönliche Informationen speichern?
Hinweis: Alle HTML-Tags außer <b> und <i> werden aus Deinem Kommentar entfernt. URLs oder Mailadressen werden automatisch umgewandelt.