Wein-Ausflug 2017 ins Rheintal

Seit einigen Jahren (Jahrzehnten?) organisiert jeweils Kollege Jörg. R. im Spätherbst einen Wein-Ausflug. Mit organisieren meinen wir jeweils, dass Jörg den Termin festlegt und die Reise entweder selbst organisiert oder einem der Teilnehmer überträgt.

Es sind jeweils fünf bis sechs Ehepaare im gesetzteren Alter, welche alle bei der SBB arbeiten oder mal gearbeitet haben. Dieses Jahr hatte Rolf S. aus Schaffhausen die Reise organisiert und es ging ins Rheintal in der Ostschweiz.

Eine Gegend, welche man nicht sofort mit Wein in Verbindung bringt, aber das ist ja auch ein Teil der Überraschung.

Die meisten Teilnehmer reisten über Zürich und Sargans nach Heerbrugg und von dort mit dem Bus nach Widnau, wo wir im Hotel Metropol eincheckten. Danach ging es gleich weiter zum ersten Höhepunkt. Wir fuhren um 12:05 mit dem Bus nach Berneck und besuchten die Küferei Thurnheer.

Holztafel vor dem Haus der Küferei Thurnheer in Berneck

Die Führung startete im Kellerstübli mit ein paar Gläsern Wein und einem fein hergerichteten Tisch mit Häppchen und von Frau Thurnheer selbst hergestellten Schinkengipfeli. :-)

Gedeckter Apéro-Tisch in der Weinstube der Küferei Thurnheer in Berneck

Anschliessend liessen wir uns vom Küfer Martin Thurnheer, der in fünfter Generation diesen Beruf ausübt, über dieses Handwerk informieren. Vom Ursprungsmaterial, (meist) Schweizer Eiche zum keilförmigen Holzscheit, zum Brett und dann zur Daube, welche schlussendlich zu einem neuen Holzfass führen.

Rohmaterial und fast fertige Eichenfässer

Sehr interessant, wie hier mit einem Natur-Rohmaterial umgegangen wird, so dass am Schluss hochpräzise Fässer entstehen, welche auch dicht sind.

Küferwerkzeug

Anschliessend spazierten wir durch das Dorf zur am Dorfrand gelegenen Weinhandlung und Kellererei «Schmid und Wetli», wo uns Herr Wetli Senior mit viel Herz und Furor durch die Geschichte des Weins im Rheintal und Appenzell führte. Die Betriebsbesichtigung fand unter vielen Erklärungen auch zum Thema Aus- und Weiterbildung statt. Herr Wetli bringt sich hier auch stark ein, um die Zukunft des Schweizer Weins sicherzustellen.

Volles Weinfass der Küferei Thurnheer im Weinkeller von Schmid und Wetli in Berneck

Selbstverständlich durften wir nicht nur gucken, wie der Wein hergestellt und gelagert wird, sondern konnten die Weine auch degustieren. Das Angebot der Weinhandlung umfasst natürlich auch noch hochprozentigere Spezialitäten.

Ein Pinot Noir aus der Linie 6tus der Weinhandlung Schmid und Wetli in Berneck

Wir machten dann einen kurzen Spaziergang zum Restaurant «Maienhalde» hoch. Dort oben erwartete uns eine nette Aussicht über die Gegend und eine reichhaltige Speisekarte ;-)

Den Hauptgang lasse ich mal wegen Kalorien-Alarm weg und zeige mal nur das kleine Dessert, welches noch knapp reinpasst :-)

Haselnuss-Glacé

Per Taxi ging es dann zurück nach Widnau ins Hotel, wo einige noch einen kleinen Schlummertrunk genossen.

Der Samstagmorgen brachte gutes Wetter, so dass man die Aussicht aus dem Hotelzimmer geniessen konnte.

Blick aus dem Hotelzimmer auf das sonnige Rheintal

Nach dem Frühstück ging es gemütlich mit Bus via Heerbrugg und den Appenzellerbahnen nach Appenzell.

Von Ferne grüsst der Säntis über das grüne Appenzellerland

In Appenzell liessen wir uns die Herstellung und Abfüllung des Appenzeller Alpenbitters zeigen. Die Führung war sehr interessant, vor allem auch der Gang in die Kräuterkammer, wo man extra für Führungen die 42 verschiedenen Kräuter, aus welchen der Bitter hergestellt wird, anfassen und riechen kann.

Ausstellung über den Alpenbitter

Auch hier konnten wir degustieren, hielten uns aber angesichts der Hochprozentigkeit eher zurück. Zudem musste ich ja abends noch für die nächsten 14 Tage packen :-)

Zum Mittagessen gab es Währschaftes im Gasthof Hotel Hof. Ich wollte eigentlich nur Chäshörnli, aber eine der Damen trat mir noch die Hälfte ihres Paars Appenzeller Südwurst ab. So gesättigt hielt das dann bis Sonntagmorgen!

Während der Rückfahrt plauderten wir noch viel miteinander und so ging diese Reise langsam zu Ende. Nicht ohne dass Jörg für 2018 einen provisorischen Termin festgelegt hätte!

Urs | Freitag 06 Oktober 2017 - 5:35 pm | | default | Kein Kommentar
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RAe TEE II - Gönnerreise 2017

Auch dieses Jahr leistete ich mir den Jahresbeitrag für den Gönnerverein des SBB Historic RAe TEE II, 1053 und durfte am somit am Samstag, 23. September am Ausflug teilnehmen. 

Dieses Jahr begleitete mich Frau R. aus W. :-)

Der Zug fuhr bereits um 7:48 Uhr ab Bern, so dass der Wecker doch recht früh klingelte. Das gute Tuch lag bereit, die Billette eingesteckt und so war alles bereit.

Jackett mit Pins und den zwei Billetten

Auf dem Perron hatte ich dann eine etwas unangenehme Begegnung, als man mir meine Begeisterung für den Zug offenbar ansah, was einen dort wartenden Mann offenbar so ärgerte, dass er laut über die «Geldverschwendung der SBB» zeternd von dannen zog.

Der Zug fuhr pünktlich mit mir auf Platz 31/32 im Wagen 4 los. Ich unterhielt mich mit Kollege Daniel, welcher die Plätze gleich in meinem Rücken hat und gemeinsam genossen wir die gemütliche Fahrt über die alte Linien an Burgdorf und Langenthal vorbei nach Olten.

Innenansicht des Wagen 4 (Speisewagen) des RAe TEE II, 1053

Dort stieg Frau R. (und viele weitere bekannte Gesichter) in den Zug und schon bald erreichten wir Zürich HB, wo der Rest der illustren Gästeschar zustieg.

Offenbar hatte SBB Historic das Feedback vom letzten Jahr genutzt. So gab es immer noch genügend Frühstück, aber es war nicht ganz so opulent wie 2016, wo man nach dem Frühstück eigentlich schon fast genug für den Tag hatte. :-)

Frühstück mit Besteck aus dem Bestand der «Crossair»

Der Zug fuhr dann über Bülach und Schaffhausen dem Rhein entlang und schon bald waren wir am Bodensee.

Sicht aus dem RAe TEE II auf den Bodensee

Unterwegs stellte sich heraus, dass eine der Begleitpersonen im Service die ehemalige Arbeitskollegin Doris war, welche ich zuletzt vor rund 33 Jahren gesehen hatte. 

Kurz nach 12 Uhr fuhr der RAe TEE II, 1053 in den Bahnhof von Rorschach ein.

Der Kopf des RAe TEE II, 1053 im Bahnhof Rorschach

Hier erwartete uns eine Führung durch und im «Würth-Haus», welches Teile der Kunstsammlung der gleichnamigen Besitzerfamilie zeigt. Sonst nicht so der Museumsgänger, war es doch sehr interessant und bereichernd. Vor allem die Ausstellung junger Kunst aus Afrika/Namibia war abseits der gängigen Themen sehr schön. Aber vor allem die sehr fachkundigen Führerinnen half auch die verschiedenen Exponate besser einschätzen und verstehen zu können.

Drachenskulptur von Niki de Saint Phalle

Nach der Führung gab es dann nebenan im Seerestaurant Rorschach ein ausgezeichnetes Mittagessen. Nach dem Essen gab es noch einen netten Schwatz mit Mani und Martin, welche draussen teure Zigarren in feine Asche umwandelten.

Dann hiess es schon wieder zurück zum Bahnhof, wo unser Zug auf Gleis 2 bereit stand. Ich kann mich nicht an den eleganten Formen dieses Zuges satt sehen :-)

Der RAe TEE II, 1053, ehemals Gottardo bereit im Bahnhof Rorschach für die Rückfahrt

Die Rückfahrt führte uns durch das schöne, grüne Toggenburg und Rapperswil nach Pfäffikon (Schwyz) und entlang des linken Zürichsee-Ufers nach Zürich HB. Und natürlich wurden wir auch auf dieser Etappe mit Kaffee und Kuchen bewirtet.

Dessert auf der Rückreise im RAe TEE II von Rorschach nach Zürich

Wir genossen noch geistige (höher prozentige) Getränke an der Bar und unterhielten uns ganz prächtig, als ich auch schon wieder von meiner charmanten Begleitung verabschieden musste.

Kurz nach neun Uhr abends ging der lange Ausflug in Bern auch für mich zu Ende. Es war ein toller Tag mit vielen Erinnerungen und netten Gesprächen. Ich freue mich jetzt schon auf das nächste Jahr!

Urs | Dienstag 03 Oktober 2017 - 11:00 pm | | default | Kein Kommentar
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REBE-Reise 2017 / Teil 3

Samstag, 16. September

Ich wusste, dass es im Hotel One nicht nur im Untergeschoss Frühstück gibt, sondern auch im Erdgeschoss bei der Bar. Auf Nachfrage fand ich heraus, dass es um die Ecke auch eine Kaffeemaschine gibt, somit war der Morgen gerettet :-)

Das Programm des Tages hiess: «Neusiedlersee und Weinverkostung»

Wir fuhren um 9:19 mit dem Zug los über Wulkaprodersdorf nach Eisenstadt im Burgenland. Am Bahnhof wurde Mani von einem Herrn erwartet und herzlich mit einer Umarmung begrüsst. Ich wusste, dass es einen Bustransfer gibt und dachte, man sei hier vielleicht immer so herzlich. Aber am Ziel des Bustransfers wurden wir dann informiert.

Der Samstag war sozusagen ein Familientag! Beim Herrn handelte es sich nämlich um den (einen!) Cousin von Mani und dessen Familie erwartete uns vor der «Haydnkirche». 

Treffen vor der Haydnkirche in Eisenstadt

Peter, Musikprofessor (Magister) und seine Frau wie Kinder erwarteten uns nicht nur mit interessanten Ausführungen über Eisenstadt, Haydn und die Esterhazy, sondern auch mit einem Glas «Schloss Eisenstadt Brut» (Prosecco) und deftigen Grammelpogatscherln.

In der Kirche gab uns Peter auch noch ein kurzes Ständchen. Die Aufnahme ist mit dem iPhone entstanden, also vergebe man mir die Qualität

Danach spazierten wir durch das Städtchen und besichtigten das Schloss Esterhazy.

Schloss Esterhazy, in natura nicht gebogen ;-)

Interessant waren auch die Deckenmalereien im Haydn-Saal. Neben den grossen Bildern gab es noch viele kleinere, welche die zugewandten Orte bzw. Untertanengebiete der Esterhazy symbolisieren.

Deckenmalereien im Haydn-Saal des Schloss Esterhazy in Eisenstadt im Burgenland

Wir assen im Restaurant Henrici, gleich gegenüber und da gesellten sich dann im Verlaufe der Stunde noch zwei weitere Cousins und zwei Cousinen von Mani hinzu. Eben, Familientreffen… :-)

Nach dem Mittag setzten uns drei Taxis ob St. Margarethen im Wald ab. Von Ferne (rund 5.4 Kilometer) blinkte der Neusiedlersee und vor uns lagen die Weingebiete von St. Margarethen und Rust. Der Spaziergang (einige sagen dem Wanderung) brachte uns durch die Reben und zwischendurch sah man einen frechen Spatz ;-) sich eine Beere stibitzen.

Rote und weisse Reben bei Rust am Neusiedlersee
Panorama-Bild über die Weinbaugebiete von Rust und den Neusiedlersee

Wir mussten ab und an ein paar Velos ausweichen, die Strecke ist offenbar beliebt. Dann kamen wir auch schon gegen Rust und durften dann bei der bekannten und ausgezeichneten Weinbäuerin Heidi Röck kurz einen Wein degustieren und uns über das Weingut und die an- und ausgebauten Weine informieren.

Danach gab es eine Premiere für die Gegend. Offenbar war bisher noch niemand auf die Idee gekommen, eine Weindegustation mit begleitenden Häppchen auf einem Charterschiff durchzuführen.

Süsse und salzige Häppchen als Begleitung zu den Degustationsweinen

Die süssen und salzigen Häppchen, die im Scherz «Burgenländer Sushi» genannt wurden, waren in adrette Kartons verpackt und die Weinliste dazu war mit Furmint, Weissburgunder, Grauburgunder, Zweigelt und weiteren Weinen gut bestückt. Den Abschluss machten zwei Süssweine, bei welchen Maria Schröck darauf bestand, dass man sich auch salzige Häppchen dazu aufspare, da diese eher noch besser zu den Süssweinen passen täten. :-)

Weinglas vor dem Neusiedlersee

Zurück beim Weingut gab es Gelegenheit, den verkosteten Wein auch noch zu erstehen, wovon einige Kollegen inklusive mir, Gebrauch machten. 

Anschliessend brachten uns Taxi und Eisenbahn zurück nach Wien. Nach Essen war niemandem mehr und so gingen die meisten Leute direkt ins Hotel.

Rückreise, Sonntag 17.09.

Die Rückreise ging kurz nach 9 Uhr los und eigentlich recht ruhig geplant. Allerdings gab es kurz und auch später noch ein wenig Diskussionen, da die Platzreservation offenbar «misslungen» war. Eine spätere Abklärung mit dem Railservice der SBB ergab, dass eine Teilanullation der Reservation aufgrund eines Stammdatenfehlers dazu führte, dass nur 9 statt 15 Plätze richtig reserviert waren. Weitere Plätze waren reserviert, aber nicht bezettelt. Das führte dazu, dass sich drei Kollegen mehrmals umsetzen mussten. Aber sonst war für uns gesorgt :-)

Speisen beim Reisen! Schnitzel serviert am Platz im Railjet der ÖBB

Während wir uns langsam der Heimat näherten, wurde uns von Mani auch schon die Abrechnung präsentiert. Es war im Vergleich zu den Vorjahren (Finnland oder Norwegen) eine günstige Reise. Dazu trugen nicht nur die Reisekosten bei, sondern vor allem die moderaten Preise für Wein und Essen.

Wir freuen uns natürlich alle schon auf die nächste Reise, von der wie üblich nicht mal Mani weiss, wann und wohin sie uns führen wird. Aber Gerüchte meinen, es gären schon wieder Pläne…

Urs | Dienstag 03 Oktober 2017 - 08:30 am | | default | Kein Kommentar
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REBE-Reise 2017 / Teil 2

Freitag, 15. September

Nach einem misslungenen Versuch, ein Frühstück zu ergattern (ok, ein Brötchen kriegte ich, aber keinen Kaffee) versuchte ich, meinen Missmut nicht zu stark zu zeigen. Der Treffpunkt vor dem Hotel war jedoch zu einem vernünftigen Zeitpunkt (08:30), so dass ich keine Ausrede für den eher späten Gang zum Frühstücksraum hatte ;-)

Wir fuhren mit der S-Bahn nach Wien Grillgasse im Stadtteil Simmering, wo uns ein kurzer Fussmarsch zu den «ÖBB, Technische Services» brachte.

Technische Services der ÖBB in Wien Grillgasse

Hier wurden wir herzlich empfangen. In einer kurzen Dia-Show wurde uns diese Tochterunternehmung der ÖBB, welche auch Unterhaltsanlagen im Ausland betreibt, vorgestellt. Mineralwasser und ein paar kleine Häppchen stärkten uns vor dem Gang in die eigentliche Unterhaltsanlage.

Fakten über den Unterhalt der Railjet der ÖBB in Wien

In der Anlage werden einerseits Einzelwagen, zum Beispiel Schlaf- und Liegewagen revidiert, aber auch ganze Railjet-Züge (7 Wagen). Die Gleisanlagen sind 200m lang und die Züge können gesamthaft mittels Hebeböcken hochgehoben werden, um zum Beispiel eine Inspektion der Böden zu machen oder Drehgestelle zu revidieren.

Angehobener Steuerwagen des Railjet in der Unterhaltsanlage

Obwohl es Freitag war, herrschte emsiger Betrieb, was uns in anderen Ländern in anderer Erinnerung war ;-)

Im April 2017 hatte die ÖBB einen Unfall mit einem Railjet, bei welchem zum Glück nur wenige Leichtverletzte zu beklagen waren. Dabei wurden mehrere Fahrzeuge leicht und ein Wagen ziemlich stark beschädigt. 

Bei der Streifkollision beschädigter Wagen des Railjet

Den stark beschädigten Wagen (mittig gegen Signalmasten geknickt) wollen die ÖBB versuchen, zu reparieren. Das tönt im ersten Moment etwas schräg, da es ein enormes Vorhaben ist (Kasten/tragende Elemente beschädigt). Allerdings hat Siemens kein Interesse, einen Wagen der Serie nochmals einzeln zu bauen und ein kurzer Railjet führt dann betrieblich zu Problemen.

Wir fuhren dann wieder mit der S-Bahn zurück nach Wien Hauptbahnhof, wo wir von Siegfrid Stumpf, Mitglied des Vorstands der ÖBB-Personenverkehr AG, verantwortlich für Produktion, Verkehrsmanagement und Person, empfangen wurden. Im Bahnhof erhielten wir eine fundierte Einführung in den Personenverkehr und dessen Herausforderungen. Österreich baut an vielen Orten neu Strecken und Tunnels, nicht nur am Semmering. Viele Probleme bieten (auch) der ÖBB die knappen Anschlüsse und die vielfach vom Ausland hereingeschleppten Verspätungen.

Man würde nun annehmen, dass dies eher vom Osten/Süden her sei, aber dem ist nicht (mehr) so. Das Hauptproblem ist der nördliche, grosse Nachbar, der die Peripherie eher vernachlässigt.

Im Hauptsitz der ÖBB ist Open Space auch angekommen, allerdings gibt es hier immer noch persönliche Arbeitsplätze.

ÖBB-Hauptsitz beim Wiener Hauptbahnhof

Danach ging es mit dem Lift in den 23. Stock, um die Aussicht über Wien zu geniessen. Rund um den Bahnhof wird noch viel gebaut. 

 

Blick über Wien vom ÖBB-Hauptsitz aus

Während die Kollegen sich in der Stadt vergnügten, zog ich mich kurz aufs Zimmer zurück, um den Teil 1 des Beitrages zur REBE-Reise 2017 in die Tasten zu hausen und ein paar Mails abzuarbeiten. Danach ging es auch bei mir kurz zum Prater.

Das Riesenrad vor blauem Himmel im Wiener Prater

Etwas wehmütig guckte ich den Kindern (und Erwachsenen) in der «Putschi-Bahn» (Auto-Scooter) zu. Erinnerungen an die Kindheit kamen hoch. Als man sich drei Monate Taschengeld zusammensparte, um eine Handvoll Chips für die Scooter zu kaufen. An die viel zu kurze Zeit, die so eine Fahrt dauerte. :-)

Gegen 19 Uhr wurden wir dann im Restaurant «7Stern-Bräu» erwartet.

Spruch an der Wand im Restaurant «7Stern Bräu»

Das Restaurant war pumpenvoll, die Bedienung war etwas gestresst, aber ziemlich fix und Bier, wie auch Essen, schmeckte ausgezeichnet.

Nachdem ich schon am Vortag ziemlich Schritte absolvierte, war auch diesmal ein Heimweg zu Fuss angesagt. Zu Dritt ging es durchs nächtliche Wien in rund 40 Minuten zurück zum Hotel. Das Mineralwasser ersetzte den Single Malt, was durchaus ok war. :-)

Urs | Sonntag 17 September 2017 - 10:05 am | | default | Kein Kommentar
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REBE-Reise 2017 / Teil 1

Auch 2017 fand dieser exklusive Anlass unter der Führung unseres Reiseleiters Mani statt.

Auf dem Programm stand unser östliches Nachbarland Österreich.

Hinreise, Mittwoch/Donnerstag 13./14. September

Treffpunkt war Zürich HB, spätestens auf die Abfahrt des Nightjet 465 um 20:07 nach Graz Hauptbahnhof.

Wie üblich trafen sich die insgesamt 15 Teilnehmer irgendwann zwischen 18 und 19:45 Uhr in der Brasserie Federal im Zürcher Hauptbahnhof.

Ich hatte spät zu Mittag gegessen, spät noch gebügelt und den Koffer gepackt und schaffte es erst auf dem 18:02 IC ab Bern. So reichte es für mich noch für ein Dessert :-)

Öpfuchüechli (Apfelküchlein)

Nachdem jeder seine Konsumation bezahlt hatte, kam kurz vor 20 Uhr Aufbruchsstimmung auf und man verschob in Richtung Gleis 8, wo die grosse «Verlosung» der Schlafwagenplätze stattfand.

Verteilung der Schlafwagenplätze durch Mani

Verlosung heisst, dass Mani geguckt hat, wie viele Plätze und Abteile er gekriegt hat und dann vor Ort nach seinem Gusto und den Bedürfnissen der Teilnehmer zugeteilt wird. Es gibt Kollegen, welche sich schon seit Jahren ein Abteil teilen. Ich selber schnarche gerne alleine und Mani hat mir dieses Jahr zuvorkommenderweise ein Single-Abteil Grand Class mit Dusche und WC zugeteilt.

Schlafwagenabteil im Nightjet nach Graz
Toilette im Single-Abteil Grand Class
Dusche im Schlafwagen, im Vordergrund das verschiebbare Lavabo

Das Abteil war soweit grosszügig, der Schlafwagen ein wenig in die Jahre gekommen. Meine Gardine schloss nicht mehr richtig und rutschte immer  ein paar Zentimeter hoch, so dass ich an Bahnhöfen Licht ins Abteil bekam. Zudem nervte die Helligkeit des Lämpchens des Lichtschalters nur wenige Zentimter über dem Kopf. Viel schlafen kann ich eh nicht, aber man kommt trotzdem einigermassen erholt an. Am Morgen nutzte ich kurz die Dusche. Sagen wir es mal so, neben mir hatte es nicht mehr viel Platz in der Kabine ;-)

Das Frühstück war soweit in Ordnung, Brötchen wahlweise mit Käse, Kalbsleberpastete, Honig etc. dazu Kaffee oder Tee und Saft. Aber man sitzt halt auf dem Bett und balanciert das Tablett irgendwie auf den Knien.

Donnerstag, 14. September 

Kurz nach sieben Uhr morgens besammelten wir uns in Graz vor dem Schlafwagen.

Die Reisegruppe bei Ankunft in Graz

Nun brachte uns ein kleiner Bus mit Chauffeur nach Gloggnitz, zur Infobox der ÖBB mit einer Ausstellung über den Bau des Semmering-Basistunnels.

Im Vordergrund der kleine Personentransporter und hinten die Infobox der ÖBB in Gloggnitz

Wir bekamen hier eine sehr informative Einführung über den Bau des Semmering-Basistunnels durch den Projektleiter Gerhard Gobiet der ÖBB. Das Wetter war bestens, kühl zwar im Schatten und manchmal etwas winidg, aber sonnig und mit blauem Himmel.

Überblick über das Semmering-Basistunnelportal bzw. die Baustelle in Gloggnitz

Nachher wurden wir unter Begleitung mit dem Bus zum Zwischenangriff «Fröschnitzgraben» gefahren. Dort ist das Konsortium von Marti AG daran, den einen brauchbaren Abschnitt bergmännisch mit einer Tunnelbohrmaschine auszubrechen. Der Rest des Semmering-Basistunnels ist schlechtes Gestein, welches mit Bagger und im Sprengvortrieb durchfahren wird. Im mittleren Abschnitt mit Gneis werden alleine 50'000 Tübbinge (vorgefertigte Beton-Schalen) verlegt. Der Abraum wird mittels total 2.4 Kilometer Förderbänder zur Deponie geführt.

Zwischenangriff Fröschnitzgraben, ganz rechts sieht man die zwei Schächte, welche in den Untergrund führen

Danach gab es noch einen kurzen Besuch der Deponie, wo die gewaltige Menge von Abraum in einem Seitental, welches komplett gefüllt wird, kontrolliert und ökologisch kontrolliert abgelagert wird.

Das ganze Projekt dauert bis ca 2026 und wird die alte Bergstrecke von 1854, welche ein UNESCO Weltkulturerbe ist, entlasten. Neben geologischen Schwierigkeiten ist auch die ganze Baugenehmigung mit dem politisch/juristischen Verfahren im ebenfalls föderalen Österreich unter Beachtung der ökologischen Vorgaben eine der grossen Herausforderungen.

Das Mittagessen gab es im Gasthof «Pollerus» in Spital am Semmering. Die Crew gab sich Mühe, neben den ordentlichen Gästen auch noch uns 15 Personen zu bedienen, was ausgezeichnet klappte. Für uns Schweizer waren die Preise fast geschenkt. Für € 9.20 hatte ich ein kross gebackenes Kotelett mit einem wirklich ausgezeichneten Kartoffelsalat. Das Gösser Stift-Zwickl löschte den Durst sehr gut und zum Dessert gönnte ich mir sogar noch ein Stückchen Sachertorte, lecker, lecker!

Sachertorte

Danach fuhr uns der Bus zum Bahnhof Gloggnitz, von wo aus wir uns mit dem Zug via Wiener Neustadt nach Wien Hauptbahnhof zum Tagesziel begaben.

Wir checkten im Hotel One, gleich neben dem Hauptbahnhof ein und hatten dann noch ein wenig Zeit, bis wir um 19 Uhr zum Nachtessen im bekannten Restaurant Plachuta sein mussten. Kollege Emil und ich nutzten die Zeit, um den Weg dorthin zu Fuss zu unternehmen. Das Wetter war uns dann nicht mehr ganz so wohlgesonnen, wie am Nachmittag am Semmering. Es kam stürmischer Wind mit gelegentlichen Regentropfen auf.

Das eher teure Plachuta war pumpenvoll und wir hatten zu fünfzehnt einen nicht gerade üppig bemessenen Tisch. Die Ellbogenfreiheit war in etwa so, wie in der Kantine eines englischen College. Aber das Essen war ausgezeichnet, wir nahmen alle die Hausspezialität Tafelspitz. Auch die Beilagen, Rösti, aber auch Semmelkren oder Spinat waren ein Genuss.

Tafelspitz und Beilagen im Plachuta in Wien

In der Onyx Bar am Stephansplatz gönnten wir uns dann noch einen Absacker, wobei ich mich mal wieder an einem Single Malt versuchte. Harte Sachen sind ja sonst nicht so mein Ding. Aber der zwölfjährige «Auchentoshan Three Wood» schmeckte gut. 

Danach hatte ich schon wieder den Drang, mich ein wenig zu bewegen und ging zu Fuss durchs nächtliche, windige Wien ins Hotel zurück. So kam ich dann auf fast 15'500 Schritte oder knapp 12 Kilometer für den Tag.

Im Hotel kämpfte ich dann noch kurz ein wenig mit den Nachttischlämpchen und musste mir an der Reception nochmals bestätigen lassen, dass man die nicht einfach kaputt schlagen darf. Danach fand ich heraus, wie ich sie ablöschen konnte und empfahl mich in Morpheus Arme.

Urs | Freitag 15 September 2017 - 2:29 pm | | default | Kein Kommentar
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Abschied, das Buch des Lebens

Heute mussten (durften?) wir Abschied nehmen von unserem Vater. 

Alles ging so schnell, nachdem er Mitte Juni einen Schwächeanfall mit einem Sturz erlitt, mussten wir ihn für kurze Zeit ins Regionale Pflegezentrum Baden bringen. Er meinte damals: «Das ist der Ort, an welchem ich geboren wurde!». Und ich entgegnete, dass er aber sicher nicht hier sterben werde!

Am 27. Juni brachten meine jüngere Schwester und ich ihn ins Alterszentrum am Buechberg in Fislisbach. Hier hatte er, als er noch in Niederrohrdorf lebte, während vielen Jahren sein Mittagessen als Gast eingenommen. In Fislisbach, dem Ort, wo er aufgewachsen war, wurde er herzlich aufgenommen. Er war bei vielen Angestellten, aber auch Bewohnern und Gästen noch wohl bekannt und wurde begrüsst.

Mitte Juli meldete ich ihn auf seinen Wunsch per 1. August definitiv im Altersheim an. Schon Mitte Juli hatte ich mit den Gemeinden abgeklärt, ob er sich in Fislisbach als Einwohner anmelden dürfe. Es lag ihm daran, seinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Mir lag es daran, da ich wusste, dass er nur in Fislisbach beerdigt werden könnte, wenn er den Wohnsitz auch hier hätte. Ein Thema, nach welchem er sich vor einiger Zeit mal erkundigt hatte.

Noch am 3. August fragte ich mit einer gewissen Unruhe bei der Gemeinde nach, ob die Mutation vollzogen worden sei, was mir dann bestätigt wurde. Unser Vater gewöhnte sich im Altersheim weiter ein. Wir hatten sein Zimmer eingerichtet und meine ältere Schwester, welche im Ort lebt, organisierte ihm die vielen Dinge des täglichen Lebens. Er erhielt regelmässig Besuch von seinen Geschwistern und auch seinen ehemaligen Nachbarinnen.

Er absolvierte auch täglich seine Übungen mit den Pflegerinnen oder dem Physiotherapeuten. Wir hofften, dass diese Übungen ihm wieder ein wenig mehr Autonomie geben könnten. So dass er wieder unabhängig mit dem Rollator im Zimmer oder Altersheim unterwegs sein könnte.

Er war guten Mutes und geistig noch gut beisammen, wenn auch manchmal schnell müde. Wir machten bereits erste Pläne für seinen 90. Geburtstag im Dezember.

Aber sollte nicht so sein, am 10. August, morgens um 2 Uhr hörte sein Herz auf zu schlagen. 

Heute war die Beerdigung und die Trauerfeier. In Begleitung von vielen lieben Bekannten und unserer Verwandschaft nahmen wir Abschied. 

Pfarrer Rafal Lupa machte es zu einem sehr berührenden Ereignis. Sein Gleichnis wird mir in Erinnerung bleiben.

«Jeden Tag schreiben wir eine Seite in unser Buch des Lebens. An guten Tagen sind die Seiten gefüllt mit schönen Buchstaben in goldener Schrift. An schlechten Tag ist unsere Schrift krakelig und mit fleckiger Tinte geschrieben. Das Buch hat noch viele leere Seiten. Wir wissen nicht, wie viele Seiten wir noch beschreiben werden. Aber eines Tages werden wir dieses Buch schliessen.»

«Heute haben wir das Buch von Josef geschlossen. Er ist nicht von uns gegangen. Er ist nur vor uns gegangen!»

Ich bin unendlich traurig und schliesse mit dem Zitat, welches wir in der Todesanzeige verwendet haben.

Niemand ist fort, den man liebt. Liebe ist ewige Gegenwart. – Stefan Zweig 

Die Urne von Josef im Blumenkranz

Urs | Freitag 18 August 2017 - 7:02 pm | | default | Vier Kommentare
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Farewell Papa

Trauer ist für mich ungeheuer schwer in Worte zu fassen, ohne dass ich das Gefühl habe, pathetisch zu wirken oder mich vom Moment überwältigen zu lassen.

Deshalb ganz kurz.

Danke für alles, was Du uns im Leben mitgegeben hast und gute Reise… wo auch immer die hinführt!

Letztes Foto von Josef

Schade, dass es Dir nicht vergönnt war, den Neunzigsten zu erleben.

Urs | Donnerstag 10 August 2017 - 09:11 am | | default | Ein Kommentar
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To proxy or not

Do you intercept SSL?

Nun wird es mal wieder etwas technisch. Es geht um ein Thema, welches mich geschäftlich beschäftigt, zu welchem ich also auch zwei Meinungen habe. Eben eine Geschäftliche und eine Private.

Was ist ein Proxy?

Ich wiederhole ungern, was das Internet schon hergibt. Deshalb die stark vereinfachende Ultrakurzbeschreibung. Details gibt unter anderem auch der Wikipedia-Artikel Proxy (Rechnernetz) her.

Ein Proxy ist ein «Stellvertreter» in einem Netzwerk, welcher Anfragen von (internen) Clients (PC, Laptop, Tabletts oder Smartphones) nach Webseiten entgegennimmt, die Antworten im Internet abholt und den Clients zurückgibt.

Die Analogie zum Gastgeber, der Pizzas für seine Gäste bestellt, welche in diesem Abschnitt des oben genannten Wikipedia-Artikels beschrieben ist, finde ich sehr passend und originell. Gekürzt hier wiedergegeben, da ich weiter unten darauf referenziere:

  • Meine Gäste haben Hunger und möchten Pizza
  • Ich frage die Wünsche aller Gäste ab und bestelle dann Pizzen beim Lieferdienst
  • Ich nehme die Pizzen in Empfang und verteile sie gemäss Bestellung an die Gäste

Warum wird denn Internet-Verkehr proxifiziert?

Die oben genannte Erklärung hilft ein wenig, zu erklären, weshalb man den Verkehr ins Internet über einen Proxy laufen lassen kann, soll oder eventuell gar muss. Das betrifft wohl die wenigsten Privathaushalte (bei sich selbst), sondern bezieht sich auf grössere Unternehmen.

  1. Ressourcenoptimierung
    Der Proxy kann (statische) Inhalte, welche immer wieder abgerufen werden, zwischenspeichern und so Bandbreite ins Internet einsparen. Dieses Argument ist im Zeitalter von günstigeren Breitbandanschlüssen nicht mehr so wichtig. Vor allem werden immer mehr Inhalte im Internet dynamisch erzeugt und lassen sich gar nicht mehr gut zwischenspeichern.
    Pizza-Analogie: der Lieferant kann mir die Pizzen ev. in einer grossen Schachtel liefern.
  2. Nachvollziehbarkeit
    Ich kann an einem Ort, dem Proxy und seinem Log, alle Anfragen ins Internet protokollieren.
    Pizza-Analogie: Ich weiss, wer welche Pizza bestellt hat und muss nicht alle befragen.
    Der Albtraum aller auf Datenschutz bedachten User? 
    1. Ja, aber
    2. Als Verantwortlicher einer Firma kann ich gegenüber den Strafverfolgungsbehörden auskunfts- und rechenschaftspflichtig sein*). Hat ein Benutzer in meinem Netzwerk eine Straftat (zum Beispiel: Aufruf zu Gewalt, Rassenhass etc.) von seinem Firmengerät aus begangen, wird beim Zielsystem die Firmenadresse registriert. Bei einer Anzeige muss ich belegen können, wer diese Straftat begangen hat. Das Log des Proxy zeigt mir das an einem zentralen Ort an.
    3. Natürlich kann ich hier auch zentral an einem Ort nachgucken, wer wann, wo und ungefähr wie lange im Internet gesurft ist. Entsprechend ist der Zugriff auf diese Logs sehr genau zu regeln. In der Schweiz ist ein Arbeitnehmender hier gesetzlich sehr gut abgesichert und das muss der Arbeitgeber zwingend einhalten, sonst macht er sich auch strafbar.
  3. Durchsetzen von Vorgaben
    Mit einem Proxy habe ich die Möglichkeit, den Zugriff aller Mitarbeitenden auf das Internet in der von mir gewünschten oder rechtlich notwendigen Form zu begrenzen.
    Pizza-Analogie: Wenn in meinem Haushalt keine Sardelle über die Türschwelle kommt, dann kann ich das so einfacher durchsetzen. Keine Angst, ich liebe Sardellen. :-)
    Beispiele:
    1. Webseiten mit strafbaren Inhalten (harte Pornographie, Extremismus und Gewalt) können blockiert werden
    2. Webseiten, welche nicht geschäftlichem Nutzen dienen, können gesperrt werden. Vielleicht möchte eine Firma nicht, dass die Mitarbeitenden auf Casino-Seiten ihre Zeit vertrödeln, sich auf Schnäppchenjagd begeben oder sich (legale) nackte Tatsachen zu Gemüt führen.
      Über diese Funktion wird sehr häufig gestritten:
      • Wer über Ziele geführt wird und/oder eine Vorgesetzte hat, welche genügend aufmerksam ist, sollte ja auffallen, wenn Zeit vertrödelt wird.
      • Manchmal sind solche Zugriffe trotzdem geschäftlich notwendig. Ev. muss die Marketing-Abteilung prüfen, ob ihre Werbung auf solchen Seiten richtig aussieht. Entsprechende Ausnahmeprozesse sind organisatorisch und manchmal auch technisch aufwändig.
  4. Schutzmassnahmen
    Ein entsprechend ausgerüsteter Proxy kann den Verkehr überprüfen und unerwünschte Elemente entfernen oder blockieren.
    Pizza-Analogie: Ich kann kontrollieren, dass keine Pizzen vergammelt sind oder noch eine Messerspitze darin steckt.
    In der Computerwelt kann ich Viren erkennen. Illegale Antworten, welche versuchen, den Browser zu manipulieren, entfernen. Oder auch Webseiten, welche in Kategorien für Malware oder Phishing aufgeführt sind, blockieren.

Also gibt es als Firma ab einer gewissen Grösse gute Gründe oder gar Verpflichtungen, einen Proxy einzusetzen.

Proxy und SSL

Kommen wir zum Hauptgrund dieses (leider) länglichen Artikels. Wenn ein Proxy stellvertretend die Anfrage für einen Client ausführt, dann läuft das dem Prinzip von SSL – vollständige Verschlüsselelung von einem zum anderen Ende – zuwider. Eigentlich kann ein Proxy so eine Verbindung gar nicht direkt entgegennehmen. Eigentlich…

Denn es gibt einen Kunstgriff, die SSL-Interception, gerne auch (verharmlosend) SSL-Inspection genannt.

en: to intercept someone/something
de: jemanden abfangen, abhören, unterbrechen

Dieser Wikipedia-Artikel erklärt das hybride Verschlüsselungsverfahren, welches bei SSL/TLS zum Einsatz kommt.

Der Server präsentiert dem Client mit der Webseite ein Zertifikat. Der Browser des Clients überprüft, ob das Zertifikat mit dem Namen der abgerufen Webseite übereinstimmt und ob es:

  • gültig ist (Datum von und Datum bis
  • nicht zurückgerufen wurde (ungültig erklärt, sogenannte Revocation in einer CRL)
  • vertrauenswürdig ist (von einer bekannten/gültigen Firma ausgestellt etc).

Dieses Zertifikat kann man als Benutzer überprüfen. Das Symbol bei der ULR im Browser zeigt üblicherweise ein Schlösschen an, wird teilweise auch grün dargestellt. Die Anzeige des Zertifikats ist bei den heutigen Browsern teilweise (unverständlicherweise!) schwieriger geworden.

Beispiel Anzeige Entwicklermodus Chrome/Mac mit SBB Webseite

Das obige Beispiel zeigt den Browser «Chrome» (auf Mac OS X), wo man unter «Anzeigen» – «Entwickler» – «Entwicklertools» mehr Informationen über die Webseite abrufen kann. Hier ist auch ein Link auf die Anzeige des Zertifikats vorhanden. 

SSL-Zertifikat der SBB-Webseite, abgerufen am 06.08.2017

Das Bild zeigt das Zertifikat der SBB-Webseite, abgerufen am 6. August 2017. 

Wie funktioniert denn nun die «Interception»?

In der Regel wird ein Proxy solcherart verschlüsselte Webseiten registrieren (siehe oben unter Nachvollziehbarkeit) und den Verkehr an sich beidseitig unverändert weiterleiten. Ist die Interception eingeschaltet, passiert folgendes:

  • Der Proxy verhandelt mit dem Client die Verschlüsselungsparameter, als wäre er das Zielsystem. Dazu präsentiert er dem Client ein Zertifikat, in welchem er behauptet, das Zielsystem zu sein.
  • Der Proxy kann nun die Details der Anfrage erkennen, da er die Anfrage ja entschlüsseln kann.
  • Der Proxy ruft dann die Webseite des Zielsystems auf und behauptet, der Client zu sein. In der Regel wird er die selben Parameter wie der Client verwenden, um die Verbindung aufzubauen.
  • Das Zielsystem beantwortet die Anfrage, da es annehmen muss, mit einem Client zu sprechen.
  • Der Proxy kann die Antwort nun entschlüsseln und überprüfen, da er ja die Verbindungsparameter kennt.
  • Der Proxy verschlüsselt die Antwort wieder und präsentiert sie dem anfragenden Client.

Der Proxy ist also sozusagen ein «Man in the middle». Siehe auch diesen Wikipedia-Artikel zum gleichnamigen Angriff.

Lässt sich das System so einfach austricksen?

Öhm, einigermassen… Eigentlich darf kein Server ein Zertifikat für eine «fremde» Webseite präsentieren und der Browser merkt, wenn Name in der URL und im Zertifikat nicht übereinstimmen.

Die Herausgeber von Zertifikaten sind peinlichst darauf bedacht, dass keine falschen Zertifikate herausgegeben werden und fehlerhafte Herausgeber müssen mit scharfen Sanktionen rechnen. Musste ich beim Verfahren startssl.com versus Chrome und Firefox selber erleben.

Beispiel einer Zertifikatswarnung

Nun muss also der Hersteller des Proxy zusammen mit den Engineers der Firma, die ihn einsetzt, den Client bzw. den Browser so konfigurieren, dass er sich «übertölpeln» lässt.  Dazu wird ihm meist ein Generalvertrauen in das Zertifikat, welches der Proxy präsentiert, eingeimpft. Selbstverständlich kann ein Benutzer, der ein (mehr oder weniger) gesundes Misstrauen hat, das Zertifikat angucken und merkt, dass da wer in der Mitte ist.

Aber warum soll ich denn überhaupt Interception einschalten?

Endlich, auf der Zielgerade dieses Artikels! 😅

Es gibt da zwei Herzen, ach, in meiner Brust! :-)

Wer mich kennt, weiss, was ich von Interception halte.

Gründe Pro:

  1. Abwehr von Schadsoftware
    Ich kann erkennen, ob jemand Schadsoftware über eine verschlüsselte Verbindung überträgt. 
    Beispiel: Der Mitarbeiter ruft seine private Mailbox bei GMX über SSL ab und lädt die Rechnung der Swisscom über 1'234 Franken auf den Firmen-PC hinunter. Die Rechnung ist natürlich nicht echt und auch nicht von Swisscom, sondern ein trojanisches Pferd mit Ransomware, welches sofort nach dem Öffnen fleissig mit dem Verschlüsseln aller durch diesen Benutzer erreichbaren Fileserverablagen beginnt.
  2. Filterung von Funktionen
    Wenn ich eine Verbindung öffne, kann ich gewisse Funktionen einer Seite erlauben oder blockieren.
    Beispiel: Meine Firmenpolicy erlaubt mir nicht, Dokumente auf Dropbox hochzuladen. Aber der Download soll erlaubt sein. Oder ich darf alles hochladen, ausser es enthält gewisse klassifizierte Informationen.
    Ohne Interception kann ich nur alles oder nichts erlauben.
  3. Nachvollziehbarkeit beim Nachladen von Seiten
    Gewisse Webseiten laden Informationen von anderen Seiten nach. Passiert das serverseitig, so erfahre ich ohne Interception nichts davon.

Gründe Contra:

  1. Gesetzliche oder vertragliche Vorgaben
    Gewisse Verbindungen darf ich nicht untersuchen. So ist zum Beispiel ein Meldeportal für Compliance-Verstösse (Whistleblowser-Meldestelle) absolut vertraulich zu behandeln. Verbindungen zu Ärzten oder Rechtsanwälten geniessen auch besonderen Schutz. Eine Bank kann zum Beispiel in den Nutzungsbedingungen verlangen, dass keine Interception verwendet wird.
    Das führt dazu, dass in der Regel eine Ausnahmeliste gepflegt wird.
  2. Sicherheitsüberlegungen
    Der Proxy ist ein «Man In The Middle». Wird er kompromittiert oder ist er fehlerhaft konfiguriert, leidet die Sicherheit aller Verbindungen.
  3. Performance
    Die Ent- und erneute Verschlüsselung ist einigermassen aufwändig. Die meisten Systeme verfügen heutzutage über spezielle Prozessoren oder ASIC, welche das aber recht gut abwickeln können. Das führt dann aber zum nächsten Thema, den:
  4. Kosten
    Die Pflege von Ausnahmen verursacht Aufwände. Ebenso das Engineering, damit sich die Systeme überhaupt auf eine Interception einlassen. Zudem lassen sich die meisten Hersteller von kommerziellen Proxy-Systemen die Interception extra bezahlen.

Man kann jetzt aber für alle Pro- und Contra-Gründe weitere Argumente finden:

  • Ein guter Schutz gegen Malware kann (und soll!) auch durch einen aktuellen Virenschutz auf dem Client und eine vernünftige Schulung der Mitarbeitenden (Awareness) erreicht werden.
  • Eine gute und sichere Konfiguration einer Interception bzw. des ganzen Proxy gehört bei einem renommierten Hersteller und einer fähigen Firma zum A und O!
  • Tatsache bleibt, dass mit der immer einfacheren Verfügbarkeit von SSL der Anteil von solcherart geschützen Seiten stark zunimmt.
  • Mit der Folge, dass neben den Firmen auch andere Leute und Organisationen immenses Interesse haben, dass dieser Schutz knackbar ist oder wird. Und wir wissen leider nur zu gut aus bekannten Vorfällen, dass solche Lücken nicht nur von den (vermeintlich) Guten ausgenützt werden. Somit dürfte die Interception ein bevorzugtes Ziel von Angreifern werden.

Anmerkung:
Der Artikel wurde sehr lange und ich bin wohl nicht mehr in der Lage, alle Tippfehler oder nicht grad offensichtliche Inkonistenzen jetzt herauszufinden. Melde mir doch einfach solche per Mail an «info@urs-mueller.ch». Ich werde den Artikel dann anpassen. 

Wie ist Deine Meinung? Du kannst gerne hier mitdiskutieren, auch wenn die Kommentarfunktion eher bescheiden ist (Threading, Mentions etc.).

*) Anmerkung vom 07.08.2017, 8:20

Die Anforderung der Nachvollziehbarkeit betrifft nicht alle Firmen in der CH, da normalerweise ein Provider für die Umsetzung des BÜPF/VÜPF zuständig ist. In meinem Fall sind wir das selber. Danke für die Hinweise dazu.

Urs | Sonntag 06 August 2017 - 12:27 pm | | default | Zwei Kommentare
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Kindheitserinnerungen - Ferien auf der Tannalp

Auf meinem MacBook Air nutze ich hin und wieder noch das Dashboard. Dort habe ich seit Jahren einen Web-Clip, der mir ein aktuelles Bild der Web-Cam der Camera Alpina von der Melchsee-Frutt zeigt.

Warum? Kindheitserinnerungen…

Mein Vater arbeitete als Dreher im damaligen EIR, heute PSI und brachte die fünfköpfige Familie mit seinem damaligen Lohn gerade so über die Runden. Unsere ersten Ferien verbrachten wir 1969 in Beatenberg. Ein «traumatisches» Ereignis, da wir dort unter anderem bei der Bäuerin im Garten mithelfen mussten. Schnecken ablesen und im Bier ertränken! Unser Fazit: «Gäll Mami, gäll Papi, wir gehen nie mehr in die Ferien!?».

Aber es kam anders… 1970 war ein verlängertes Wanderwochenende angesagt. Mit dem Zug aus dem Aargau nach Luzern, dann mit der Schmalspurbahn nach Engelberg und mit der Luftseilbahn bis Trüebsee.

Trüebsee, Sommer 1970

Von dort aus wanderten wir die rund 450 Höhenmeter bis zum Jochpass. Es war mitten im Sommer und mein Vater – mit einer ähnlichen Frisur, wie ich heute gesegnet – hatte keine Mütze dabei. Um einen Sonnenstich zu vermeiden, war dann ein befeuchtetes Taschentuch mit je einem «Chnopf» in jeder Ecke (zum beschweren) angesagt.

Unterwegs taten wir uns mit einer anderen Familie mit Kindern zusammen, welche das selbe Tagesziel anstrebten, die Tannalp. Aber das hiess nach Plan erst 350 Höhenmeter hinunter zum Engstlensee auf rund 1'850 Meter über Meer, diesem entlang bis zur Engstlenalp.

Während der kurzen Pause auf der Engstlenalp begannen Wolken aufzuziehen. Die Eltern drängten uns, auszutrinken und wir nahmen den Aufstieg zur auf knapp zweitausend Metern liegenden Tannalp unter die Wanderschuhe. Der Wanderweg schlängelt sich teilweise den Felsen entlang und als wir noch rund hundert Höhenmeter von der Tannalp entfernt waren, begann es aus den dunklen Wolken auch noch zu Grollen. Die Eltern mussten uns Kinder von fünf bis zwölf Jahren nicht mehr gross antreiben, denn das Wetter war genug «gfürchig».

Als wir um die letzte Ecke bogen und schon die erste Alphütte sahen, war es dann soweit. Erste fette Regentropfen klatschen uns ins Gesicht.  Der Regenschutz nützte nicht viel (taugte damals auch nicht viel) und so rannten wir die letzten paar Meter bis zur Anhöhe und dann die rund dreihundert Meter zum alten Berggasthaus.

Als wir dort ankamen, waren wir alle längst klitschnass und schlotterten, da es schnell abgekühlt hatte. Grosse Augen dann bei den Eltern, als wir erfuhren, dass alle Betten ausgebucht seien. Was nun? Weiter zur Melchsee-Frutt hätte nochmals rund eine Stunde Wanderung bedeutet, wir waren alle müde von der Anstrengung und es begann einzudunkeln. Der Patron des Berggasthauses meinte dann jedoch, die Käserei, an welcher wir eben vorbeigerannt waren, hätte ein Massenlager, wo wir vermutlich noch Platz fänden. 

Die alte Käserei auf der Tannalp im Jahr 2008

Also ging es die paar Meter zurück zur grossen Alphütte mit dem Schweinestall. Dort sahen wir Licht hinter den Fenstern und klopften an die Türe. Es war eine jener Türen, welche aus einem unteren und einem oberen Holztor mit Schnappschloss/-riegel bestanden. Es dauerte eine Minute und dann schwang die obere Türhälfte auf .Die Sennerin guckte uns nassen Vögel neugierig an. Wir erklärten unseren Wunsch und sie antwortete in einem für unsere Ohren sehr fremdartigen Singsang, dem Obwaldner Dialekt.

Wir traten in die warme, dunkle Hütte und warfen scheue Blicke auf die am Tisch versammelten Sennen und den Käser, das grosse Kupfer-Chessi im Hintergrund und den grossen Ofen. Dann führte uns Therese die sehr steile Treppe hoch in die Stube im ersten Stock und nochmals eine steilere Treppe zum Raum unter dem Dach, wo das Massen-/Matrazenlager war. Es hatte rund 15-20 Liegeplätze, von denen nicht viele belegt waren.

1975 in der Küche der alten Käserei auf der Tannalp

Ob wir uns etwas Essen ausleihen konnten oder noch die Resten aus dem Rucksack verputzten, weiss ich nicht mehr. Die Nacht war eher unruhig, da wir es uns nicht gewohnt waren. Am nächsten Morgen waren die Sachen natürlich noch nicht trocken und unsere Eltern beschlossen spontan, dass wir einen weiteren Tag hier einlegen würden.

So hatten wir die Gelegenheit, in der Frutt vorne einzukaufen und uns dann am Holzofen das Essen zu kochen. Wir erfuhren auch, dass es im ersten Stock auch verschiedene Zimmer (Einzel-, Vierer- und Doppel-Vierer) gäbe. Sonst war die Alphütte sehr einfach eingerichtet.

Die Toilette im ersten Stock ging direkt in die Güllengrube hinunter. Spülen musste man mit einem grossen Wassereimer, den man auf dem Hof am Brunnen unten wieder auffüllen konnte. Scharfer Ammoniakgeruch schlug einem entgegen. War man genug gross, war die Aussicht aus dem kleinen Fensterchen aber je nach Wetter und Tageszeit grandios, denn man blickte direkt auf den Graustock, rechts konnte man auch ein Eckchen des Titlis erspähen.

Blick von der Tannalp auf den Graustock

Da es nur in der Küche/Käserei im Erdgeschoss fliessendes Wasser hatte, hiess das natürlich auch, dass man sich am Brunnen draussen im Hof die Zähne putzte oder sich wusch. Ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass frisches Bergquellwasser seeeeeeehr kalt ist!

Blick von der Tannalp in Richtung Innertkirchen im Jahr 1970

Für uns Kinder waren die paar Tage auf der Tannalp ein kleines Paradies. Frische Bergluft, das Geläut der Kuhglocken, den Sennen beim Melken zuschauen. Aber auch die Einlieferung der Milch beobachten und die Verarbeitung zu den riesigen Laibern mit Sbrinz zu sehen. Frische Bergkäsli geniessen, die erste Buttermilch trinken und natürlich auch die gute Alpbutter aufs Brot zu streichen. Draussen die Bächlein stauen oder schöne Enziane und Alpenrosen bestaunen. Aber halt auch mal in einen Kuhfladen treten. Und natürlich auch Geisslein streicheln.

1970 auf der Tannalp, Geisslein streicheln

Leider ist das Bild hoffnungslos überbelichtet und unscharf, aber mehr gab der Schnappschuss aus Vaters damals schon nicht mehr neuen 35mm Kamera via Dia und Scanner nicht her.

Ich konnte es natürlich nicht unterlassen, am Tannensee jeweils beim Ufer und den zuführenden Bächen zu versuchen, Elritzen von Hand zu fangen.

1970, Blick über den Tannalpsee zur Melchsee-Frutt

Nach dem verlängerten Wochenende war die Rückreise via Melchsee-Frutt - Seilbahn Stöckalp - Postauto Sarnen und mit dem Zug via Luzern und Zürich zurück in den Aargau angesagt. Man roch es, wenn man zurück in die Agglo kam, die Luftqualität war damals noch deutlich schlechter.

Uns gefielen diese Ferien so gut, dass wir danach während rund sieben Jahren jährllich für zwei bis drei Wochen im Sommer wieder zurück kamen. Wir hatten jeweils ein Doppel-Viererzimer. Die Eltern schliefen im vorderen Zimmer, wo wir auch die Rucksäcke und die Esswaren lagerten. Im hinteren Zimmer hatten wir Kinder unser Reich. Und jeden Morgen erwachten wir, wenn der Käser die schweren Sbrinz-Laiber krachend wendete, so dass die halbe Hütte erzitterte. Mit der Zeit entwickelte meine Mutter eine gute Freundschaft zur Sennerin, so dass man sich auch sonst mal anrief.

Es war jeweils eine schöne Zeit und es gäbe noch manche Anekdote zu erzählen. Aber vielleicht ein anderes mal…

Urs | Samstag 05 August 2017 - 09:20 am | | default | Kein Kommentar
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Wenn die Presse mal wieder nervt

Der Blick gehört ja nicht gerade zu meiner Standardlektüre. So erfahre ich meist aus Tweets in meiner Timeline von Artikeln, welche vielleicht mal amüsant, aber auch häufig polarisierend sind.

Diesen Artikel von Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, finde ich mal wieder sehr polarisierend bis sogar polemisch. Vielleicht, weil es darin auch um die Bahnen geht.

Zitat: «Die Schweiz muss sich stärker für ihre Interessen wehren, schreibt Christian Dorer, Chefredaktor der Blick-Gruppe, im Kommentar. Wenn es um den Ausverkauf der Wirtschaft geht, um Arbeitsplätze, um die demokratischen Werte.»

Das tönt ja erstmal ganz gut, bis man sich in den Artikel einliest!

Abschnitt «Unsere Wirtschaft wird ausverkauft»

Dorer lobt hier den SVP-Nationalrat, Hans-Ueli Vogt, welcher einer Interpellation vom Bundesrat wissen will, ob die Übernahme von CH-Unternehmen eine Bedrohung für die aussenpolitischen Interessen der Schweiz sei.

Dorer schreibt, China sei scharf auf unsere (ähm, wem gehören die genau?) Firmen wie Syngenta, Gategroup, Sigg oder Eterna. Aber nicht nur China sei hinter unseren Firmen her, sondern auch Katar (ist ja gerade gross in der Presse) mit ihrer substanziellen Beteiligung an der CS.

Und nun?

Sorry, mein lieber Herr Dorer, ich habe nicht Wirtschaft studiert, nicht mal die Kanti, sondern nur die Bez besucht, aber sogar ich verstehe, wie der Hase läuft, wenn man als Firma börsenkotiert ist. Wenn eine Firma ihre Aktien an der Börse platziert und damit Geld von Aktionären holt, muss die Firma damit rechnen, dass sich die Welt für diese Aktien interessiert. Unfreundliche oder unerwünschte Übernahmen kann man statuarisch behindern oder ausschliessen. Das führt aber unter Umständen dazu, dass die Aktien weniger interessant sind und somit weniger Geld in die Kasse der emittierenden Gesellschaften fliesst.

Eine informative Zusammenstellung des Übernahmerechts der «Schellenberg Wittmer Attorneys» zum nachlesen, findet sich hier.

Also zielt die «Kritik» des Blick ins Leere… Wer ins Wasser steigt, wird nass.

Interessanterweise will ja der Hans-Ueli Vogt nicht in jedem Fall, dass der Staat das Zepter ganz in die eigene Hand nimmt. Wie hier in seiner Antwort auf eine andere Interpellation.

Abschnitt «Unsere Werte werden unterwandert»

Hier lobt Dorer den FDP Nationalrat Hans-Peter Portmann, welcher den IZRS verbieten will.

Nun muss man sich über den IZRS wirklich Gedanken machen?

Ich meine, als Verfassungsschutz schon… aber als Gesellschaft eher nicht. Der Verein hat zwar ein vermutlich recht gutes finanzielles Polster, schliesslich stecken ja potente Geldgeber aus dem arabischen Raum hinter den urschweizerischen Illis und Blancos oder wie immer diese Vorstandsmitglieder heissen. Aber grosse Massen von Gläubigen zieht der Verein (noch) nicht an.

Aber natürlich eignet sich dieser Kleinstverein für die Presse sehr gut, um etwas gegen den Islam zu polemisieren. Dass man dem Verein mit solchen Artikeln mehr Popularität gibt, als er wirklich verdient, gehört dann offenbar zum Kollateralschaden, den der Blick gerne in Kauf nimmt.

Abschnitt «Unsere Arbeitsplätze wandern ab»

Hier resumiert Herr Dorer im Artikel darüber, dass zum Beispiel Bombardier 650 Stellen streiche. Dies, nachdem die Firma eben erst 59 Züge für 1.9 Milliarden Franken an die SBB verkauft habe.

Ich lese den Abschnitt nochmals und atme tief durch… Was für eine Polemik in dieser Aussage doch enthalten ist? Als hätte die Schweiz Bombardier 1.9 Milliarden gegeben und die seien mit dem Geld gleich abgehauen. Mit keinem Wort liest man, dass der Auftrag der SBB seit sieben Jahren viele dieser Stellen gesichert hat. Dass für den Auftrag sogar (temporär) Stellen aufgebaut wurden. In den abzubauenden 650 Stellen sind nämlich auch die 500 temporäre Stellen enthalten.

Bombardier hat bereits 2016 verlauten lassen, dass weltweit 7'500 Stellen gestrichen werden sollen. In dem Sinne sind die aktuellen Streichungen in der Schweiz Teil eines Ganzen. Zudem ist der Markt für Züge und Eisenbahnwagen nun mal limitiert. Wenn einer gewinnt (zB Stadler), dann verliert immer auch ein anderer.

Weiter schreibt der Blick: «Kein Land vergibt einen Grossauftrag ins Ausland, wenn er von heimischen Unternehmen ausgeführt werden kann. Dass Frankreich einen deutschen ICE oder Deutschland einen französischen TGV kaufen würde – WTO-Richtlinien hin oder her –, wäre unvorstellbar.».

Was für eine seltsame Aussage, wer sich ein wenig umhört und recherchiert, bemerkt, dass Bombardier zwar eine kanadische Firma ist, aber multinational produziert. Genau so, wie Stadler Rail und andere Produzenten im Eisenbahnumfeld. Auch in Deutschland fahren ja mitnichten nur Siemens ICE herum. Und das «Syndicat des transports d’Île-de-France», welches den Nahverkehrsbereich im Grossraum Paris führt, hat mit den «Transilien» unter anderem rund 300 Züge von Bombardier (Z 50000, B 82500) im Einsatz. 

Zum Schluss schreibt Herr Dorer: «Was für ein sonderbarer Sonderfall unsere Schweiz doch ist!». Ich sage, was für ein sonderbares Fazit Sie doch ziehen, Herr Dorer!

Urs | Samstag 10 Juni 2017 - 5:31 pm | | default | Ein Kommentar
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